Kurzgeschichte online!

Lies hier eine brandneue Kurzgeschichte mit Grascha da Krascha. Entweder gleich hier oder als Download.

Die Legenden der drei kleinen Helden. Legende 1: Grascha hat Angst vor Fehlern
Rafael Bienia

In der Sommersonne trocknete das Gras zu Heu. Sein Geruch wehte an der Stadt Khizar vorbei zum Hof, wo die Orks lebten. Die Häuser standen leer, denn die Zugewanderten lebten lieber in Zelten, die sie um den Bauernhof herum aufgestellt hatten. Zwischen dem Lager und den weiß getünchten Häusern übte Grascha ihre Faustschläge, so wie jeden Nachmittag. Aber heute war sie schlecht gelaunt. Das merkte Allanor sofort, als er am rot markierten Rand des runden Trainingsplatzes stehenblieb und winkte. Grascha schaute kurz hoch, nickte knapp und übte weiter.
„Das ist anstrengender als Hausaufgaben“, dachte Allanor und Grascha schien es sich extra schwer zu machen, denn sie wechselte von Übung zu Übung, ohne Pause.
Als sie nicht aufhörte, hielt es der Junge nicht mehr aus und rief: „Kann ich die Holzfiguren sehen?“
„Welche Holzfiguren?“, knurrte Grascha und kam zu ihm herüber.
„Meinst du das ernst? Du wolltest Figuren schnitzen. Von Leo, dir und mir. Für unser Brettspiel.“
„Ach so“, grummelte Grascha. „Die sind nix geworden.“
Allanor wunderte sich, denn Grascha schnitzte Figuren, seit er sie kannte.
„Zeigst du sie mir wenigstens?“, fragte er.
„Nein, verdammt! Hörst du nicht? Geh weg!“
Allanor gaffte sie an. Dann sagte er sanft: „Du musst die Figuren nicht perfekt hinkriegen.“
„Ich habe dir gesagt, dass du mich damit in Ruhe lassen sollst!“, rief Grascha. „Bist du taub oder blöd?“
„Hey, sag so was nicht!“
„Jaja, blablabla!“
Allanor schmerzten die Worte seiner Freundin. Er schluckte. Aber Freunde helfen sich, vor allem in Zeiten, wenn sie es sich einander das Leben schwer machen. Also versuchte Allanor es nochmals: „Gut, du hast es nicht hinbekommen.“
„Sag ich doch!“, maulte Grascha.
„Und was machst du jetzt? Was war dein Plan, wenn es nicht klappt?“
„Ich hatte keinen.“
„Dann habe ich eine Idee. Es gibt einen Zauberspruch, der macht, dass du alles kannst, was du willst.“
Grascha sprang vor. „Dann mach!“
„Kann ich nicht. Der ist in einem Buch, das ich nicht habe.“
Grascha stampfte mit dem Fuß.
„Wo ist es?“
„Das letzte Mal sah ich es bei den Nagas.“
„Und wie komme ich dort hin?“
„Durch mein Portal, meine Zaubertür.“
Allanor malte mit blauer Kreide einen Halbkreis und streute blaues Pulver auf die Linie. Dann schloss er die Augen, streckte die Hand aus und zeichnete ein Wort in die Luft. „Dschwi!“
Die Luft flimmerte vor ihnen in Form eines Kreises. Es roch nach Zuckerwatte. Grascha grunzte und trat durch das Portal. Es fühlte sich an, als ob hundert Federn auf sie fallen würden. Schlagartig wurde es dunkel, aber Grascha fühlte Allanors Hände an ihrem Rücken. Er drückte sie weiter und sie trat ins gleißende Licht eines Sommertages hinaus. Sie blieb kurz stehen und nahm erst einmal alles um sich herum auf.

Am Ufer eines türkisfarbenen Sees lag grauer Sand, umsäumt von Weiden und kniehohen Rosenbüschen. Überall sah sie aufgerichtete Schlangen mit zwei Armen und Händen umherhuschen. Hübsche, bunte, flinke Schlangen, die mit ihren goldenen Schwänzen quadratische Muster in den Sand zogen. Die Luft war erfüllt von Zischen, Schnalzen und dem Platschen, wenn eine dieser Nagas ins Wasser sprang.
Unter einer alten Weide lag auf einem schwarzen, spiegelglatten Felsen eine saphirblaue Naga-Mutter mit einem kupfernen Kamm und sonnte sich. Grascha begrüßte sie und fragte höflich nach dem Zauberbuch.
„Ja, das Buch kenne ich gut“, sagte das Schlangenwesen.
„Wo ist es?“
„Nicht so schnell. Hilf mir zuerst mit meinen Natterlingen. Ihnen ist langweilig. Mach ein Schachspiel für sie und ich zeige dir den Weg“
Die Naga hob ihren Schwanz und deutete auf ein fertig gezogenes Schachbrett im Sand.
„Das haben die Natterlinge, die kleinen Schlangen, also vorhin gemacht“, dachte Grascha und zog ihr Messer. „Wenigstens sind Schachfiguren einfach.“
Die weißen Figuren schnitzte sie aus Weidenholz, für die Dunklen wählte sie Rosenholz, das ihr die kleinen Schlangenwesen brachten. Dabei gestaltete Grascha die Bauernfiguren nach den Natterlingen. Die Königin ähnelte der Naga-Mutter mit ihrem prächtigen Kamm.
„Die sehen toll aus!“, riefen die Schlangenwesen. Grascha winkte ab.
Die große Naga zeigte auf einen Gipfel hinter einem Gipfel, über dem die Sonne aufging. „Das Buch, das du suchst, findest du dort auf dem Berg.“
Grascha verabschiedete sich und lief los. Der Weg führte bergab, an einem funkelnden Bach entlang, über dem grüne Libellen schwebten. Dann stapfte die Orkin wieder bergauf zwischen moosbedeckten Granitwürfeln, die zwischen turmhohen Buchen lagen. Es ging wieder hinab in ein dunkles Tal, in das nie Sonnenlicht fiel. Beim Durchqueren musste Grascha aufpassen, nicht im Morast zu versinken, aber schon bald erklomm sie den letzten Berg. Er war doppelt so hoch wie die anderen. Grascha schwitzte. Am Himmel färbten sich die Wolken in der untergehenden Sonne, als ob jemand violette und rosa Farbe über den Himmel gestrichen hätte.

Grascha gähnte und streckte ihren schmerzenden Rücken durch. „Ich muss mich ausruhen“, dachte sie. Sie war müde, aber noch mehr ärgerte sie der Gedanke, dass sie die Holzfiguren, die sie Allanor versprochen hatte, nicht so hinkriegte, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie knirschte mit den Zähnen und lief weiter. Es wurde Nacht. Der runde Mond schob sich zwischen schwarzen Wolken und erhellte den Gipfel. Wie Haarbüschel standen vereinzelte Bäume auf dem Berg.
Auf einmal erklang ein schauriges Heulen: „Käääseeeee!“
„Das müssen die wilden Bergmäuse sein“, dachte Grascha. „Ich habe aber keine Zeit zu warten, bis sie weg sind.“

Normalerweise genoss Grascha die Stille des Abends, aber jetzt kniff sie ihre Augen zusammen und spähte nach verdächtigen Bewegungen. Auf einmal verstummte das Heulen. Die Bäume warfen dunkelblaue Schatten auf den grasbedeckten Berghang, aber als Orkin konnte sie im Dunkeln sehen, und die Mäuse, die sich durch die Büsche anschlichen entgingen ihr nicht. Grascha knurrte und hob einen Stock vom Boden auf, um die Nager zu vertreiben. Da zuckten drei fellige Köpfe aus ihrem Versteck und fauchten sie an. Die Mäuse waren sehr klein. Sie waren sehr niedlich. Aber sie waren auch hungrig und hatten sehr spitze Zähne.
„Ich habe keinen Käse!“, brüllte Grascha und schüttelte den Stock, aber da sprang schon eine dürre Maus an ihr hoch. Grascha schleuderte sie den Berg runter, wurde von einer anderen gebissen und stolperte über Äste und Steine die Böschung hinauf. Die Mäuse fiepsten und verfolgten sie, doch die Orkin war schneller. Außer Atem erreichte sie den Gipfel.

Im Mondlicht glänzte ein kleines Häuschen aus weißem Quarz mit einem Dach aus Schieferplatten. Magische grüne Flammen schwebten wie Glühwürmchen über dem Dach und erhellten den Vorplatz. Hinter einer Holztür mit eingeschnitzten Rauten flackerte grünes Licht. Grascha öffnete die Tür. In dem einzigen Raum standen dutzende Heldenfiguren aus Holz. Im zuckenden Licht der Lichten schienen sie sich zu bewegen.
Die Köpfe der Figuren waren zu groß und die Arme und Beine waren nur grob in das Holz eingeritzt, statt herausgearbeitet. Grascha beeindruckten diese Figuren nicht.
Zwischen den Statuen erhob sich ein Steinblock, auf dem ein geschlossenes Buch lag. Ein Geruch, den Grascha aus Allanors Zimmer kannte, strömte ihr entgegen. Es war der Geruch von jahrhundertealtem Staub, von Papier, das mit der Zeit begonnen hatte zu zerfallen. Grascha griff nach dem Buchdeckel.
„Nicht so hastig“, sagte eine hohe Stimme aus Richtung des Buches.
Grascha sprang erschrocken zurück. „Wer ist da?“, fragte die Orkin und hob ihren Stock zur Abwehr.
„Das hätte ich dich fragen sollen, als du ohne zu klopfen hereingekommen bist“, sagte das Buch.
„Ich bin Grascha da Krascha und suche nach einem Zauber. Ich wusste nicht, dass Bücher sprechen.“
„Jedes Wort wird gesprochen, und zum Sprechen musst du atmen, also lebe ich.“
Die Orkin nickte. „Das macht Sinn.“
„Was für einen Zauber suchst du?“, fragte das Buch.
„Ich will perfekt schnitzen können.“
„Ich kenne den Zauber. Erzähle mir zuerst die Geschichte von einem Helden, den ich noch nicht kenne, denn ich möchte meine leeren Seiten füllen.“
Grascha erzählte, wie sie mit Leo und Allanor in Banggrimm die Rattenfrösche vertrieben und das Drachengold gefunden hatte.
„Wenn du mir Figuren von diesen Helden bringst, gebe ich dir den Zauber, den du suchst.“
Grascha biss sich auf die Lippen, was mit ihren Hauern gar nicht so einfach war und deshalb komisch aussah.
„Es gibt keine Figuren von uns“, sagte sie mürrisch, aber im Kopf dachte sie: „Die müsste ich erst schnitzen.“
„Dann gibt es keinen Zauber für dich“, sagte das Buch. „Ich beschwöre dir ein Portal nach Hause.“
Vor dem Schrein flimmerte die Luft in Form einer rechteckigen Glasscheibe. Grascha ballte die Fäuste. Sie erinnerte sich an Allanors Frage: „Was war dein Plan, wenn es nicht klappt?“
Sie schaute auf den Stock in ihrer Hand. Das Holz würde für drei Figuren reichen.
„Ich muss es wenigstens versuchen“, dachte sie und zog ihr Schnitzmesser aus dem Gürtel.

Es wurde spät. Zuhause würde sie längst im Bett liegen. Vater und Mutter hätten längst aufgehört zu tuscheln und ihr Bruder Slascha würde schnarchen. Grascha vermisste ihr Zuhause und war müde, aber sie wollte unbedingt den Zauber, um endlich perfekt schnitzen zu können.
Im Schein der magischen Lichter bearbeitete sie das Holzstück, bis die Sonne aufging. Schließlich standen die Figuren der drei kleinen Helden vor ihr. Sogar Allanors Schreibfeder und Leos zerschlissene Tunika hatte sie hingekriegt. Sie grunzte befriedigt. Auch das Zauberbuch raschelte zufrieden mit den Seiten. Eine davon löste sich, flog in die Luft, faltete sich zu einem Umschlag und landete in Graschas Hand.
„Du besitzt nun den Zauber. Mach’s gut“, sagte das Buch.
Grascha verabschiedete sich und trat durch das leuchtende Portal. Sie hatte das schwindelige Gefühl, dass sich die Welt auf den Kopf drehte, dass Farben und Formen aus ihrem Platz gerissen wurden und sich zu einem bunten Scherbenhaufen zusammenfügten, der einmal hell aufleuchtete und dunkel wurde. Sie spürte plötzlich harten Boden unter ihr. Der Zauber war vorbei und es wurde heller.
Grascha fand sich in Allanors stickigem Zimmer sitzen. Es roch nach Büchern, die zwischen zusammengerollten Hausaufgabenblattern und leeren Tintenfässern in Regalen an der Wand standen. Das gegenüberliegende Fenster war mit einem feinen Holzgitter bedeckt, durch das das Sonnenlicht in Form von Dreiecken hindurchfiel und den schummrigen Boden mit Sternen verzierte. Allanor stand an der Eichentür. „Und?“, fragte er.
Grascha faltete grinsend den Umschlag auf. Dann wurde sie hellgrün im Gesicht. Es war ein leeres Blatt. Sie drehte es um, aber auch die Rückseite war leer.
„Was soll das? Ich brauche den Zauber!“, rief sie verzweifelt.
„Ist es vielleicht Zaubertinte?“
Allanor hielt das Blatt gegen das Fenster, nuschelte ein Wort, aber keine Buchstaben erschienen.
„Das ist gemein!“, rief Grascha. „Ich war bei den Nagas, habe Schachfiguren gemacht. Ich bin den Berg hoch, habe geschwitzt. Bin vor blöden Mäusen weggerannt. Für das Buch habe ich die halbe Nacht Figuren von uns geschnitzt. Und jetzt?“
„Du hast Figuren von uns geschnitzt?“
„Ja! War das alles umsonst?“
Allanor grinste.
„Lachst du mich aus?“, knurrte Grascha.
„Hey, langsam. Schau noch mal aufs Blatt.“
Grascha nahm es ihm ab.
„Der Zauberspruch drauf macht, dass man alles perfekt kann“, erklärte Allanor.
„Da ist kein Spruch zu sehen!“, maulte Grascha.
„Weil du es schon kannst!“
„Was?“, fragte Grascha und verzog das Gesicht.
Allanor lachte und nahm das Blatt zurück.
„Ich will auf Pferden reiten können!“, rief Allanor.
Zeichen formten sich auf dem Blatt.
„Siehst du?“
„Da brat mir einer ’ne Storchenkatze!“
Grascha nahm das Blatt und die Schriftzeichen verschwanden. Grascha kratzte sich an der Stirn.
„Aber ich kann es doch nicht“, sagte sie schwach. Sie glaubte es nicht mehr und ihre Hand wanderte zum Schnitzmesser.
Allanor legte den Arm um ihre Schulter und strahlte übers ganze Gesicht. „Das glaubst nur du! Komm! Wir holen dir einen schönen Ast.“

ENDE

(c) Rafael Bienia

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